Komponist

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Referat gehalten an der Fachhochschule Nordwestschweiz zum Auftakt des Master-Studiums am 15. Oktober 2008.

Innovation in der abendländischen Kunstmusik

Ein etwas schwerfälliger Titel, gewissermassen ein Arbeitstitel, denn ich wusste zum Zeitpunkt der Anfrage für dieses Referat noch nicht, worüber genau ich sprechen werde. Sie werden sich fragen, warum dieser Begriff, abendländische Kunstmusik? Man könnte ja geradeso gut von klassischer Musik sprechen. Doch gerade diesen Begriff, nämlich »klassische Musik«, finde ich, wenn es um die Musik der Gegenwart geht, unpassend. Das Wort Kunstmusik klingt vielleicht hochtrabend, es ist jedoch eine Tatsache, dass der künstlerische Anspruch bei dieser Musikgattung — zumindest bei den Ausübenden — sehr im Vordergrund steht.

Dies soll aber nicht bedeuten, dass es nicht ebenso eine grosse Kunst ist, in anderen Musikgattungen Herausragendes zu leisten. Abendländisch habe ich hinzugefügt, weil wir oft vergessen, dass es auch in anderen Kulturen sogenannte »klassische« Kunstmusik gibt, die den gleichen hohen künstlerischen Anspruch hat.

Ferner möchte ich hinter diesen Titel zunächst ein Fragezeichen setzen. Kann Innovation überhaupt sein in einer Musikgattung, in der zu 95 Prozent Antiquiertes gepflegt wird, und dies auf Instrumenten, die in ihrer Entwicklung längst ausgereift sind, und in einem institutionellen Umfeld, das sich in den letzten hundert Jahren nur sehr wenig verändert hat?

Diese Frage soll das Thema meines kurzen Referates sein. Und ich glaube, wenn ich von der Situation spreche, in der wir Komponisten heute stecken, berühre ich vielleicht gleichzeitig die Situation kreativer Menschen in ganz verschiedenen Bereichen. Vielleicht auch die Ihre.

Wer spricht heute nicht von Innovation! Aber meistens sind es nicht diejenigen, die Innovation tatsächlich schaffen, welche das Wort ständig im Mund führen, sondern die Szenen in der Nachbarschaft der kreativen Geister, in Politik, Wirtschaft, Kulturförderung, und oft nicht mit dem hehren Hintergedanken, der Menschheit etwas Gutes zu tun, sondern um den eigenen Spielraum der Möglichkeiten in Geld, Prestige und Macht zu erweitern.

Ob dieser Innovationsdruck insbesondere in der Kunst fruchtbar ist, möchte ich in Frage stellen. Sowohl den in der Forschung tätigen Wissenschaftlern als auch den Künstlern, allen ist ohnehin gemeinsam, dass sie das Bedürfnis haben, etwas »Neues« in die Welt zu bringen. Entdeckergeist und Neugier sind in allen mehr oder weniger vorhanden.

Ob die ständige Betonung des Begriffes »Innovation« auf allen Gebieten Anreiz zu grösseren Errungenschaften ist, möchte ich sehr bezweifeln.

Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Innovation: Bereits Bestehendes wird Schritt für Schritt weiterentwickelt und weitergedacht, ist also der Fortgang von etwas, das schon da ist. Diese Art des schöpferischen Akts kann sich auf einer rein intellektuellen Ebene vollziehen. Bei dieser Art der Innovation ist ein gewisser Leistungsdruck bei den einen förderlich, doch er führt oft auch dazu, dass Innovationen aus wirtschaftlichen Interessen zu früh, zu unausgereift in die Öffentlichkeit gelangen. Die zweite Art der Innovation ist, tatsächlich etwas Neues, noch nie Dagewesenes in die Welt und in unser Bewusstsein zu bringen. Denken wir in der Wissenschaft an Namen wie Edison, Einstein oder — in meinem Gebiet — Beethoven, Mahler, Bartók oder Messiaen.

Ich möchte betonen, dass diese neuen Wege, die Welt zu sehen oder Musik zu hören, in unser Bewusstsein gebracht werden. Das heisst: Eigentlich waren auch diese Entdeckungen schon immer da. Die Relativitätstheorie war schon vor Einstein da und wirksam in unserem Universum, ob wir von ihr wussten oder nicht. Und zerlegt man eine Symphonie von Beethoven in ihre »atomaren« Bestandteile — Klangspektren aus Obertönen, Intervallverhältnisse, Frequenzen und Rhythmen —, war auch da schon alles in der Natur vorhanden und wartete auf einen visionären Geist, der den Gesetzmässigkeiten nachspüren und diese zu einem Ganzen und in neuer Form gestalten konnte.

Solche Errungenschaften sind auf die Zeit und unsere Geschichte bezogen Innovationen. Auf der anderen Seite haben sie die Aura des Zeitlosen. Sie verkörpern gewissermassen weder einen Schritt vorwärts noch rückwärts. Der inhaltliche Wert ist stilunabhängig, zeitlos wahr. Und dies wird auch noch der Fall sein, wenn sich unser Interesse eines Tages von Beethoven und Einstein abwendet, da uns unsere Visionen an einen ganz anderen Punkt gebracht haben.

Um wieder auf den Innovationsdruck, der heute auf Kunstschaffenden lastet, zu sprechen zu kommen: Visionäre Menschen haben ihre Visionen so oder so und meist unabhängig vom Umfeld. Grosse Werke entstehen aus der Ruhe, ohne Zwang, ohne Druck von aussen und ohne finanziellen Anreiz. Dies hat uns die Geschichte zur Genüge gezeigt. Geld und Erfolgsdruck bewirken oft eher den Untergang der schöpferischen Kraft.

Tatsächlich glauben viele, dass wir in der Kunstmusik am Ende einer Entwicklung stehen, in der es nichts Relevantes mehr hinzuzufügen gibt. Es gibt einige Argumente, mit denen man diese Annahme begründen könnte. Der Mensch hat rein körperlich in seinem Leistungsvermögen und seiner sinnlichen Wahrnehmung Grenzen.

Werfen wir einen Blick auf den Sport, so sehen wir klar, dass in den uns bekannten Disziplinen irgendwann die Grenzen des menschlich Möglichen erreicht sein werden. Irgendwann werden die Rekorde nur noch um Tausendstelsekunden gebrochen, und man wird sich fragen, ob das Ganze überhaupt noch sinnvoll ist.

Und es ist ebenfalls eine Tatsache, dass unser hörbarer Bereich seine Grenzen hat. Hätten wir beispielsweise ein Gehör wie ein Hund, würde unsere Musik ganz anders sein.

Zurück zur Kunst: Trotz der Einsicht, dass es Grenzen gibt, bin ich fest der Meinung, dass es auf jeden Fall weitergeht und dass wir heute sogar an einer entscheidenden Wende stehen, die in den nächsten Jahren unsere Perspektive massgeblich verändern könnte.

Ich möchte die Musikgeschichte des Abendlandes bis zum heutigen Zeitpunkt mit dem Wachsen eines Baumes vergleichen, der sich immer weiter verästelt. Am Anfang war da eine zarte Pflanze, die Urformen des Gesangs und das Klopfen eines Rhythmus. Dazu kam später die Mehrstimmigkeit, das harmonische Zusammenspiel von mehreren Stimmen. Aus diesen Urelementen Klang, Melodie, Rhythmus und Harmonie bildete sich eine starke Pflanze, die mehr oder weniger geradlinig in die Höhe wuchs. Bis etwa um 1800 gab es erst drei starke Äste, Kirchenmusik, die Musik am Hof und die Lieder des Volkes. Ab 1800 begann sich die Musik immer mehr zu verästeln. Mit der Modernisierung der Blechblasinstrumente bildete sich zum Beispiel das Blechmusik-Vereinswesen. Man unterschied zwischen Blasmusik, Volksmusik, Kunstmusik, Zigeunermusik, Hausmusik, Kirchenmusik, Kaffeehausmusik, Tanzmusik, und all diese Gattungen entwickelten sich eigenständig weiter. Dazu kamen im 20. Jahrhundert starke Äste mit dem Jazz und Blues, mit der leichten Unterhaltungsmusik, Schlager, Pop, Rock, bis zu den modernsten Entwicklungen. Und alle diese Äste des Musik-Baumes sind heute bereits aufs Feinste verästelt und entwickelt.

Früher gab es in erster Linie die Musik, die gerade zeitgemäss war. Das heisst immer nur die »neue« Musik, die letzte Entwicklung. Heute gibt es fast für jeden Stil aus allen Epochen, und zudem in der Musik sämtlicher Kulturen, Interpreten und auch ein Publikum. Durch die Möglichkeit der technischen Konservierung von Musik sind wir heute in der Situation, sämtliche Gattungen und Musikstile bis in die Frühzeit präsent und zur Verfügung zu haben. Wir stehen heute vor einer unüberschaubaren Fülle, in der man sich kaum mehr zurechtfindet. Und ständig kommen neue Variationen dazu.

Ich meine, wir sind an einem Punkt angelangt, wo der Musik-Baum beinahe ausgewachsen ist. Er hat seine volle Form erreicht. Aus dem Stamm Klang, Melodie, Rhythmus, Harmonie ist eine dichte Krone gewachsen. Und wenn sich in diesem Baum noch »Neues« bildet, dann sind es feine nicht markante Ästchen. Natürlich entwickelt sich die Musik unaufhaltsam weiter. Doch es braucht ein differenziertes Hörvermögen, um wirklich Neues, in dieser Form noch nie Dagewesenes auszumachen.

Gerade in der Kunstmusik und im Jazz, wo man sich immer noch vorwiegend der traditionellen Musikinstrumente bedient, die unter Umständen schon seit Jahrhunderten im Gebrauch sind, ist klanglich kaum mehr Neues zu entdecken, das nicht schon einmal ausprobiert wurde.

Aus meinem Bild wird klar, dass ich glaube, dass die Kunstmusik in Bezug auf Innovation in einem Dilemma ist; oder vielleicht auch an einem entscheidenden Wendepunkt?

Natürlich geht es bei der Musik nicht um Bäume, sondern um den Menschen. Und auch da müssen wir uns vielleicht einfach eingestehen, dass trotz der rasanten Veränderung unseres Umfeldes der Mensch immer noch Mensch ist. Es geht immer noch um Liebe, Schmerz, Hoffnung und Tod. Anzeichen eines wesentlichen Evolutionsschrittes des Menschen sind noch nicht wirklich in Sicht. Und da es in der Kunst in erster Linie darum geht, das Universum, in dem wir uns befinden, zu spiegeln, müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht mehr spiegeln können als wir sind.

Musikalisch gesehen können wir nicht weg von den Urprinzipien Klang, Melodie, Harmonie, Rhythmus, für die unser Sensorium geschaffen ist. Auch in den abstraktesten klanglichen Experimenten sind Elemente dieser Urprinzipien auszumachen. Und wenn nicht, stellt sich die Frage, ob es sich noch als für den Menschen fassbare Musik handeln kann. Wie schon gesagt: Hätten wir ein Hundegehör, hätten wir eine ganz andere Musik.

Klang ist Schwingung. Und was wir in Schwingung versetzen können — seien es Saiten, Membrane, Luftsäulen oder elektronisch erzeugte Schwingungen —, wir haben es im Wesentlichen getan. Eine ziemlich schwierige Situation für Kreative, die sich mit Klang auseinandersetzen.

Dennoch sehe ich die momentane Situation als einen Paradigmawechsel, als Wechsel vom nach aussen gerichteten Forschen und Experimentieren hin zur Mitte, hin zum Wesentlichen; als ein Wechsel vom steten Vorwärtsdrängen hin zum grossen Überblick über das Entdeckte, hin zu für uns zeitlosen Werten; mit anderen Worten, hin zu dem, was man mit »Menschlichkeit« bezeichnen könnte.

Wieder zurück zum Baum: Bisher sind wir den Ästen entlang gewachsen, waren Teil des Baumes und haben uns schön daran gehalten, dahin zu wachsen, wohin uns der Formwille des Baumes leitete. Doch einmal bei der äussersten Verästelung, bei der voll ausgewachsenen Krone angelangt, wo es einfach nicht mehr weiter geht, wo wir nur noch zwei Möglichkeiten haben, allmähliche Veränderung des immer Gleichen oder gar Absterben, entschliessen wir uns, die Perspektive vollkommen zu ändern und verwandeln uns — in einen Vogel.

Und ich glaube, genau so ein Perspektivenwechsel vollzieht sich zurzeit bei der jüngeren Generation von Komponisten, auch wenn es der älteren Generation schwer fällt, dies zu akzeptieren. Die neue Perspektive sieht die Entwicklung der Musikgeschichte als Ganzes, und auf einmal verschwinden alle Dogmen, die auf dem vorher verfolgten Pfad noch galten. Das, was uns auf unserem Ast noch als Innovation vorkam, ist vielleicht plötzlich unwesentlich. Die grossen Äste, die sagten, wo es langgeht, sind auf einmal winzig und unwichtig.

Und auf einmal sehen wir, dass wir tatsächlich doch zu »Neuem« kommen können, wenn wir unserer Phantasie eine neue Perspektive schaffen und sie von dem kleinen Universum, in dem wir uns vorher befanden, befreien. Wer sagt denn einem Komponisten, dass er brav die Musiksprache der Zeit übernehmen soll? Die Lehrer? Die Geschichte? Warum müssen wir folgsam an dem anknüpfen, was unsere Vorgänger vorgekaut haben? Haben wir das grosse Gefühl, verantwortlich gegenüber der Musikgeschichte zu sein, oder fehlt uns einfach der Mut, gegen den Strom zu schwimmen? Oder befürchten wir gar, von der »Szene« ausgeschlossen zu werden und damit unseren Ruf und unsere Existenz in diesem Beruf zu gefährden? Existenzielle Ängste sind ja ohnehin Teil unseres Berufes, also sollte dies eigentlich keine grosse Rolle spielen. Die einzige plausible Antwort ist, wir stellen uns diese Fragen gar nicht.

Die neue Musikszene sollte sich, meiner Meinung nach, nun von diesem intellektuellen »Imkreisedrehen« der krampfhaften Klangmaterialsuche lösen und sich vielmehr darauf konzentrieren, der Musik die transzendente, unfassbare Dimension zurückzugewinnen, die Meisterwerke aller Epochen ausmachen. Doch wie kommen wir zu solcher Musik?

Meiner Meinung nach geht es heute darum, die Instanzen, mit denen wir die Welt wahrnehmen, neu zu gliedern; das heisst, die geistigen »Organe«, die uns für den schöpferischen Akt zur Verfügung stehen, anders zu gewichten.

Wir Menschen haben zwei geistige »Organe«, mit denen wir über uns hinauswachsen können: Intuition und Phantasie.

Entscheidend ist nicht unser Intellekt, um wirklich »Neues« in die Welt zu bringen. Unser Denkapparat sieht immer nur die Summe der Einzelteile. Er kann sie zusammenfügen, kombinieren, einordnen und zerlegen, und ist fähig Gedachtes weiterzudenken und Vorhandenes weiterzuentwickeln. Er bezieht sich also immer auf das Bestehende und sucht nach dem Vergleich mit dem, was im Gedächtnis gespeichert ist.

Unsere Intuition hingegen ist die Instanz im Menschen, die wirklich Neues, noch Unbekanntes in unser Bewusstsein bringen kann, die »Ganzheiten«, man könnte auch sagen ewig Gültiges erspüren kann.

Es gibt vielleicht jemanden, der sagt: wie kann »ewig Gültiges« je innovativ — neu sein? — Antwort: Indem man nichts nachplappert, nichts nachmacht, sondern die Welt des Klangs intuitiv neu erlebt und das Erlebte adäquat zur Sprache bringt. Das kann dann unter Umständen auch in einer bereits existierenden Sprache sein.

Unsere Intuition ist es auch, die uns authentisch macht. Denn nichts kann authentischer sein als das, wohin uns unsere innere Stimme führt. Der Mut zu Authentizität, das heisst der inneren Stimme kompromisslos zu folgen, stellte auch in der Vergangenheit die entscheidenden Weichen in der Kunstgeschichte, auch wenn man damit vielleicht erst einmal gegen den Strom schwamm.

Die transzendente Dimension in der Musik sind nicht die Töne, sondern die Verbindungen zwischen ihnen, die Zusammenhänge. Stellen Sie sich beispielsweise eine Partiturseite einer Symphonie von Mahler vor. Da sind Hunderte von schwarzen »Böhnchen« zu sehen, die Noten. Doch die Musik liegt genau dazwischen, gewissermassen unsichtbar in der weissen Leere des Papiers. Es ist die Verbindung zwischen den Noten, die wesentlich ist. Könnten wir bei einem Meisterwerk in der Partitur diese Zusammenhänge anstelle der Noten sichtbar machen, bliebe vermutlich eine grossartige, unfassbare Matrix zurück, ein Abbild des Urmenschlichen oder des Göttlichen, wenn man so will.

Der intuitiv begabte Komponist ist sich dieser Matrix genauso nicht bewusst wie der Zuhörer. Er braucht sie intellektuell auch gar nicht zu begreifen. Doch mittels der Musik, des Klangerlebnisses, kann er sie erspüren und macht sie dann auch für den Zuhörer spürbar, zwar nicht fassbar, aber erlebbar.

Bei dem erwähnten Paradigmenwechsel in der Kunst geht es also im Wesentlichen darum, auf unser kostbarstes Geschenk, die Intuition, zu vertrauen und den Intellekt sekundär für die Bewusstwerdung und das Begreifen des intuitiv Erspürten zu verwenden. Nur so können wir unsere geistigen Türen für Neues genügend weit öffnen.

Viel zu sehr hat der Intellekt Eingang in die Kunst gefunden, um sie gewissermassen kontrollierbar zu machen, »wissenschaftlich« analysier- und erklärbar zu machen. Dabei ist das Zauberhafte am Schöpferischen zugunsten von System, Methode und Mache in den Hintergrund gedrängt worden.

Also fangen wir einmal nicht gleich an zu konstruieren, sondern versuchen wir dem nachzuspüren, was uns zufällt, jenseits intellektueller Anstrengung. Analysieren, kombinieren, verarbeiten können wir hinterher immer noch. Versuchen wir zuerst, dem zu vertrauen, was authentisch aus uns herausfliesst, und suchen wir erst zweitrangig nach System, Methode und Gesetzmässigkeiten, die das Ganze in eine fassbare Ordnung bringen.

Nur so können wir zu Entdeckungen kommen, die uns selbst in Erstaunen versetzen, in denen wir uns selbst übertreffen und die wir letztlich als Geschenk, sagen wir einmal des Himmels, sehen müssen. Und vielleicht entdecken wir hinterher im Entstandenen Gesetzmässigkeiten, auf die wir mit unserem Denkvermögen nie gekommen wären.

Wir sind als individuelle, schöpferische Menschen in diese Zeit hineingeboren worden. All diese Fragen der Äusserlichkeit werden sich durch diese Tatsache wie von selbst beantworten und sind sekundär.

Diese Vorgehensweise, nämlich der Intuition den Vorrang zu geben, erscheint einem eigentlich ganz plausibel. Und doch ist sie heute alles andere als selbstverständlich. Stil, Konzept und Methode sind in der Kunst dem schöpferischen Vorgang zu oft vorangestellt. Sogar in meinem Bereich, der zeitgenössischen Musik, kann es heute sein, dass vom Komponisten, wenn es zum Beispiel um die finanzielle Förderung durch öffentliche Gelder geht, zuerst ein Konzept verlangt wird.

Und als Konzept genügt dann nicht etwa der Satz: »Ich möchte versuchen, ein gutes Stück für Geige zu schreiben - einfach gute und inspirierte Musik.« Eher erfolgreich bei der Geldsuche wäre man vermutlich, wenn man eine mehrseitige Projektdokumentation abliefern würde. Darin steht dann zum Beispiel ausführlich, dass wir beabsichtigen, in sieben Schiffen auf dem Zürichsee Musiker zu platzieren, die über Funk und Monitor verbunden sind. Das entstehende Klangergebnis wird dann computergesteuert zusammengeführt und über starke wasserdichte Boxen unter Wasser geleitet, wo die Fische in den Genuss des akustischen Ereignisses kommen.

Doch Ironie beiseite. Die inhaltliche Qualität von Kunst lässt sich schwer in Worten beschreiben. Und wenn heute oft das Konzept, gewissermassen die leere Hülle, als Qualitätsparameter vorgeschoben wird, wird gerade die unfassbare, transzendente Dimension, die meiner Meinung nach massgebend für den Wert von Kunst ist, gleichzeitig auf den zweiten Platz verdrängt.

Um auf mein leicht übertriebenes Unterwasserbeispiel zurückzukommen. Wir sind heute so weit, dass Unmengen an solch mehr oder weniger originellen Konzepten verwirklicht worden sind; vielleicht ein Grund dafür, dass sich Komponisten heute fragen, ob sie nicht einfach wieder nur Musik schreiben sollen. Doch welche Musik?

Komposition zu unterrichten ist eine grosse Herausforderung. Obwohl ich — von ein paar Workshops abgesehen — nie regelmässig unterrichtet habe, überlege ich mir manchmal, was ich heutigen Kompositionsstudenten in der ersten Stunde mitgeben würde. Ich würde auf jeden Fall versuchen, sie in ihrem Vertrauen auf ihre Intuition, ihre innere Stimme zu bestärken.

Ich würde vielleicht sagen:
Es geht zutiefst um dich und um nichts anderes. Nicht um dich als Person, sondern um dich als Menschen. Nimm so viel auf von aussen, wie du kannst, und dann vergiss es wieder. Vergiss einmal die ganze »materielle « Seite des Komponierens, all die erlernbaren Kompositionssysteme und deine eigenen entwickelten Vorgehensweisen und strukturellen Überlegungen, vergiss die Palette gesuchter und gefundener klanglicher Möglichkeiten, vergiss vorerst einmal alles, was sich in deinem Hirn zur Kompositionsarbeit über die Jahre gespeichert hat. Es geht nicht um Intelligenz und nicht um Gedächtnis. Gescheit sind noch viele, auch Phantasielose und Gewissenlose, wie wir zur Genüge wissen.

Vertraue diesen spontan und vielleicht zuerst simpel anmutenden Einfällen. Ist ein Einfall einmal da, wird er weitere evozieren. Schliesslich kann es zu einer regelrechten Überflutung von »Einfällen« kommen. Selbstverständlich ist, wenn dieser Prozess einmal in Gang gesetzt, die Intelligenz gefragt, um die Einfälle zu erfassen, zu filtern und zu ordnen. Obwohl ein spannendes Thema, sind Erklärungsversuche, woher diese Einfälle kommen, nicht notwendig. Lassen wir dem ganzen Geschehen seinen Zauber. Denn das Rezept zu finden, wie »wahre« Kunstwerke entstehen, ist unmöglich. Wenn es »funktioniert«, so gibt es nichts Schöneres als diese Arbeit. Funktioniert es noch nicht oder nur selten, arbeite am Vertrauen in deine innere Stimme und in deine Vorstellungskraft (ein »Muskel«, der durchaus trainierbar ist) und hör so viel gute Musik wie nur möglich. Dies nicht zu tun, aus Angst man könnte zu stark von anderen beeinflusst werden, wie man immer wieder von Komponisten hört, ist bloss eine bequeme Ausrede. Aussagekräftig kann nur jemand sein, der die Entwicklungen unserer Musikgeschichte kennt und verinnerlicht hat. Ohne dieses »Wissen« bleibt ein Ansatzpunkt kraftlos. Es gleicht dem, der mitten in die Landschaft ein Stück Bahngleis bauen möchte, ohne dass er weiss, woher der Zug kommen soll, oder einem, der einfach nachplappert, was gerade »zeitgemäss« erscheint.

Dieses unablässige Anhören von Musik und intensive Befassen damit wird dir früher oder später eine Tür zur inneren »Stimmung« öffnen, die das Komponieren möglich macht. Kein Lehrer kann dir das besser vermitteln als die Musik selbst. Und hast du noch nicht die nötige Ausdauer dafür, diese innere »Stimmung« zu entwickeln, nimm nicht denn einfachen Weg von irgendwelchen Kompositionsrezepten und Systemen, die bloss leblose Werkzeuge sind. Natürlich können dabei ganz interessante Sachen entstehen, aber nicht mehr als das. Der Pinsel und die Palette sind nicht das Gemälde. Wenn das System - eben das» Werkzeug« - zum Wesentlichen in deiner Kreativität wird, kann das Ergebnis schliesslich noch so gescheit durchdacht sein, es fehlt ihm die entscheidende Dimension, und es bleibt »sekundär«.

Die Vielfalt der Möglichkeiten in unserer Zeit ist unüberschaubar. Einen eigenen Weg zu finden, ist nicht einfach. Mein persönliches Schicksal scheint es zu sein, sogenannte »Konzertsaal-Musik« zu schreiben. Ein Begriff, den ich unlängst despektierlich verwendet in einem Artikel fand, in dem es um nordische Komponisten ging. Den Begriff aber finde ich sogar sehr treffend und überhaupt nicht despektierlich für vieles, was heute von der jüngeren Generation geschrieben wird.

Es gibt für mich nichts Schöneres als den Klang einer Geige, des Violoncellos, der Klarinette, des Horns, und nichts Faszinierenderes als die unendlichen Farben eines Symphonieorchesters. Ich bin überzeugt, dass wir mit diesen Klangkörpern neue Musik schreiben können, die zwar nicht neu bezüglich des Klangmaterials ist, die aber neu in ihrer Sprache und Formulierung ist; und ganz wichtig: die gar nicht primär den Anspruch hat, vollkommen neu zu klingen, sondern vielmehr eine Dimension berühren möchte, die weder neu noch alt ist, da sie jenseits der Zeit liegt. Es ist nicht die Stimme und es ist nicht die Sprache, die schliesslich relevant sind, sondern das, was gesagt wird.

Zusammenfassend sehe ich also die eigentliche Innovation in unserer schnelllebigen Zeit im Suchen nach zeitlos Wertvollem, jenseits von Methode, System, Stil und Machart. Und dies mit einer unverkrampften Neugier im kompromisslosen Vertrauen auf unsere Intuition, unsere innere Stimme.

Doch eine Schwierigkeit bleibt wohl immer bestehen: Wer nicht versteht, was Intuition ist, weiss nicht, was künstlerisches Schaffen heisst. Man kann es beispielsweise einem Kulturbeamten nicht beibringen, wenn er es nicht eh schon weiss, und wer es nicht weiss, wird weiterhin nach »innovativen Konzepten« schreien, wo eigentlich Intuition gefragt ist.

Ist in den Sience-Fiction-Visionen ein Körnchen Wahrheit, müssen wir uns vielleicht eines Tages gegenüber Maschinen als Menschen ausweisen. Schon jetzt verrichten Computer denkerische Leistungen in Sekundenbruchteilen, für die wir Jahre bräuchten und verarbeiten Massen von Informationen, die an Quantität unser menschliches Vorstellungsvermögen bei weitem übersteigen. Klar, wir unterscheiden uns von der Denkleistung eines Computers durch unsere Selbsterkenntnis, durch unser Bewusstsein. Doch wie lange noch? Vielleicht wird es in der Computertechnologie eines Tages möglich, einem Computer ein Bewusstsein und die Fähigkeit der Selbsterkenntnis zu geben.

Nehmen wir mal an, dass dies möglich sein wird. Durch was wird sich dieses künstliche Bewusstsein von dem unseren unterscheiden? Da werden Religion und Philosophie auf den Plan treten, und eine plausible Erklärung wird nicht einfach sein. Beruhen doch viele Geheimnisse unseres Bewusstseins immer noch auf vagen Vorstellungen und unscharfen Thesen. Und vielleicht wird dann die Kunst endlich diejenige Notwendigkeit erhalten, die ihr schon immer gebührt hätte.

Um uns als Menschen zu beweisen, halten wir uns also an diesem Rettungsanker der Kunst fest und hören uns beispielsweise eine Mahler-Symphonie an. Und auf einmal sind wir uns gewiss. Ohne ein einziges Wort zu verlieren, ohne uns auf die Äste religiöser und esoterischer Spekulationen zu wagen, plötzlich ist da Klarheit. Und diese Klarheit von »etwas«, das wir intuitiv erfassen, aber vergeblich nach Erklärungen suchen, könnte man am ehesten mit »Menschlichkeit« umschreiben.

Das ist es, was eine Maschine nie haben wird. So unendlich wie unsere Hilflosigkeit ist, dieses Gefühl der Gewissheit beim Hören der Mahler-Symphonie in Worte zu fassen, genauso unendlich ist die Dimension, die sich uns in diesem Gefühl der »Menschlichkeit« auftut. Diese Dimension können wir nur intuitiv erfassen oder erleben. Kunst, die ihre Quelle in dieser Dimension sucht, kann die Zeit überdauern und Menschen aller Kulturen ansprechen. Kunst, die sich bloss im intellektuellen Kreise dreht, hat auf die Länge keinen Bestand.